Die Sommerferien stehen vor der Tür, doch wie geht das nochmals mit dem nachhaltigen Reisen? Ich hab da mal ein paar Stunden recherchiert und zeige dir von A wie Anreise bis Z wie Zero Waste im Urlaub, was ich dabei herausgefunden habe. Denn nebst der Entscheidung, wo es hingeht, können wir viel Einfluss nehmen auf Transportmittel, Unterkunft und Unternehmungen und so Urlaube nachhaltiger gestalten.

Achtung, der Artikel ist ziemlich vollgestopft mit Infos, Studien und Zahlen, aber hat natürlich wie immer auch einfache Tipps, wie du nachhaltig reisen kannst.

Fangen wir von vorne an. Sobald du dein Köfferchen gepackt hast, fängt der Teil der Reise an, der durchschnittlich am wenigsten ökologisch ist: Die Anreise.

Die Anreise

Das unnachhaltigste am Urlaub ist meist die Anreise. Das Sprichwort „Warum in die Ferne schweifen“ trifft da den Nagel auf den Kopf. Nähere Urlaubsziele sind des Transport wegens schon nachhaltiger.

Tja, ganz ehrlich, ich will aber nicht nur Schweiz-Urlaub machen, und Felixs Familie wohnt leider auch nicht um die Ecke. Trotz allem gehöre ich definitiv nicht zum Typ Mensch, die mal eben 4 Stunden Autofahren für ein Wochenendtrip.

Nebst der Distanz, ist auch die Wahl des Transportmittels zu beachten:  Am nachhaltigsten sind Zug, Bus, Fahrrad oder Fussreisen. Aber auch das Auto schneidet in der Ökobilanz deutlich besser ab als das Flugzeug, vor allem, wenn es gut ausgenutzt ist.

Auch das ist ja eigentlich jeder klar, aber nicht immer so leicht umgesetzt. Wer will denn für den Spontantrip freiwillig mehr für Zug als für ein Flug ausgeben? Bis die Politik hier auch endlich andere Gesetze geschaffen hat, verlassen wir uns auf Zug-Spartickets und planen unsere Reisen etwas weiter voraus (sofern das mit Corona überhaupt noch möglich ist). Dann bekommt man relativ gute Angebote auf Zug und Bus, spart sich den Urlaubsstau und beide können dabei rausgucken, lesen, sich entspannt unterhalten, essen und vor allem für blasenschwache Menschen toll: es gibt immer ein Klo :D

Eine gute Adresse, um internationale Zugtickets zu buchen findest du hier.

 

Ist fliegen wirklich so schlimm?

Ich geb es zu. Ich hab schon einige Langstreckenflüge hinter mir. Ich hab eine Weltreise gemacht (bei der ich immerhin auf Kurzflüge verzichtet habe), habe ein Auslandsemester in Australien gemacht und kann auch nicht sagen, dass ich nie wieder fliegen werde (ich hab zum Beispiel einen indischen Schwager, der gerne mit uns allen seine Hochzeit mit meiner Schwester in Indien feiern will…).

Gleichzeitig ergab eine Studie, dass die Grünen genau die sind, die am meisten fliegen. Paradox? Nein, weil ich genau dieses Verhalten bei mir festgestellt habe. Ich tue so viel für die Umwelt, dass ich mir eben diesen Flug nach Indien irgendwann leisten will. Nachhaltig reisen: Ja. Aber dabei auf weit entfernte Urlaubsziele verzichten wollen dann doch viele nicht.

Da stellt sich die Frage: Ist Fliegen wirklich soo schlimm? Eine Studie hat errechnet, dass der Flugverkehr für rund 5 % der Klimawirkung verantwortlich ist. Das klingt erstmal wenig, aber wenn man bedenkt, dass nur 10% der gesamten Weltbevölkerung überhaupt schon mal geflogen ist, wird einem bewusst, dass so ein Flug doch ganz schön klimaschädlich sein muss.

Es geht nicht nur um das CO2, sondern auch um Stickoxide, Wasserdampf und Russpartikel. Diese werden in CO2 Rechner meist umgerechnet und ebenfalls in CO2 angegeben. Mein Flug für die irgendwann stattfindende Hochzeit von Zürich nach Goa und zurück stösst laut atmosfair  3.874kg CO2-Äquivalenzen aus (davon 1.325kg tatsächliches CO2). Das übersteigt das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen von 1500kg leider schon über das doppelte.  Davon ist der/die Durchschnittsdeutsch aber noch weit entfernt mit 11’600 kg. Wobei Stand heute alleine schon 890 kg CO2 von öffentlichen Emissionen pro Kopf in Deutschland angerechnet werden. In der Schweiz sind wir sogar bei 13’510 kg pro Kopf und Person im Jahr. Laut WWF liegt der weltweite Durchschnitt bei 7’410 kg. Mit dem Footprint-Rechner von WWF sind Felix und ich mit 5’930 kg immer noch unter dem Durchschnitt. Aber wenn alle so leben würden, bräuchten wir 1.36 Planeten. Mit dem Umweltbundesamt-Rechner (bei dem man mehr Angaben machen kann), sind wir sogar auf „nur“ 4’740 kg.

Tja, und während ich hier schreibe und recherchiere, merke ich, dass ich wohl definitiv nicht umher komme nur noch ganz ganz selten zu fliegen, denn die Mobilität ist bei uns der Punkt, wo wir nicht unter den Durchschnitt kommen… und sobald ein Flug dazukommt, explodieren die Zahlen…

 

Lösung des Problems: Flüge kompensieren?

Ich persönlich finde es zwar toll, dass man seine Flüge kompensieren kann, bin aber gleichzeitig auch sehr skeptisch. Wie mit einem Ablassbrief im Mittelalter, kann man sein Gewissen mit ein paar Euros rein kaufen… Das ist jetzt vielleicht etwas überspitzt geschrieben, aber ich glaube nicht, dass es die Lösung des Problems ist. Atmosfair hat verschiedene Projekte, die sie mit dem kompensierten Geld unterstützt. Unter anderem auch Umweltbildung. Tja, das mach ich hier auch gerade. Aber ich filtere kein CO2 aus der Luft. Ich helfe höchstens dabei, dass in Zukunft weniger Leute fliegen. Ich kann auch unser Haus mit Holz besser dämmen und so mein CO2 wieder binden.

Ja, kompensieren ist besser, als nicht zu kompensieren. Aber nicht fliegen ist noch besser. Wer wirklich nachhaltig reisen will, kommt nicht um andere Transportmittel herum.

Um mehr Anreize für Reisen „auf dem Boden“ zu schaffen, gäbe es einige Methoden: Kerosinsteuer erheben, die ÖV deutlich mehr subventionieren und dabei keine Subventionen mehr für Flüge ausgeben. Mehrwertsteuer für internationale Flüge würden dem „echten Preis“ auch immer weiter entgegenkommen.

Trotz allem muss ich sagen, dass es mich manchmal nervt, wenn immer nur auf dem Fliegen herumgehackt wird. Denn ja, das ist klimaschädlich, aber wir haben noch so viele weitere Baustellen auf der Erde.

 

Warum Zahlen aber nicht alles sagen können

Solche obengenannte Rechner sind faszinierend und zeigen einem schnell auf, wo man noch CO2 vermeiden könnte. Sie zeigen aber nicht auf, welche ganzheitlichen Auswirkungen gewisse Lebensweisen mit sich bringen. Denn hohe CO2-Belastungen sind noch lange nicht unser einziges Problem auf der Erde.

Wir vergiften Böden, nutzen Tiere aus, verschmutzen die Meere und unser Trinkwasser, behandeln Menschen wie Sklaven… naja, du kennst das ja auch schon.

Das heisst, um wirklich nachhaltig zu leben braucht es ein ganzheitliches System. Da reicht auf das Flugzeug verzichten nicht.

So gibt es beispielsweise eine Studie, die aufzeigt, dass eine vegane Ernährung der grösste Schritt ist, den ein individueller Mensch gehen kann, um das Klima UND die Umwelt zu schützen. Denn hier wird nicht nur weniger CO2 ausgestossen, sondern auch Landverbrauch reduziert, Tierleid vermieden,  Wasser geschont, Meere weniger zerstört.

So, zurück zum Thema: Nachhaltig reisen. Was gibt es denn für Alternativen für weit entfernte Ziele?

 

Mit dem Schiff über See gondeln

Wusstest du, dass es möglich ist mit einem Frachtschiff oder Segelboot über die Ozeane zu kommen? Das stösst zwar immer noch CO2 aus, das Flugzeug tut dies aber im 100-fachen. Diese grossen Dampfer sind zwar auch nicht nachhaltig, und fahren ja auch nur, weil wir so viel global konsumieren, doch im Gegensatz zu Flugzeugen, die nur wegen Passagieren fliegen, reist man auf Frachtschiffen trotzdem ökologischer. Dein Körpergewicht wiegt gegenüber Schiffscontainer halt immer noch fast nichts ;)

Kreuzfahrtschiffe zählen hier übrigens nicht dazu. Das ist kurz zusammengefasst eine Katastrophe: noch ein höherer CO2-Fussabdruck als Fliegen, Ozeanverschmutzung, Abfallberge und grottenschlecht bezahltes Personal.

Auf langsamreisen.de findest du Segelboot-Verbindungen und Frachterangebote, mit denen du ein Flug umgehen kannst. Auch auf findacrew findest du günstige oder sogar bezahlte Mitsegel-Angebote.

Oder wie wär es mit der Transsib? Dieser Zug fasziniert mich unglaublich… mal schauen, ob ich mir diese Reise irgendwann gönne :D

 

Wie machen Felix und ich Urlaub?

Ich will hier transparent sein und plaudere mal darüber, wie Felix und ich nachhaltig reisen: Meist fahren wir 2x im Jahr in den Hohen Norden (Kiel oder Hamburg oder beides), um seine Familie zu besuchen (sofern Corona das zulässt…) Jedenfalls versuchen wir diese Reisen entweder mit einem Urlaub zu verbinden (in dem Fall fahren wir mit dem Caddy, welcher gleichzeitig unser Wohnmobil ist) oder nehmen den Zug.

Da wir sehr luxuriöse Jobs haben (nicht das wir hier Millionen schäffeln, aber wir sind relativ frei in der Zeiteinteilung), können wir meist 2mal im Jahr in den Urlaub, wobei meist einer in den Norden ist und einer irgendwohin, meist in den Süden (ich bin ein Sonnenkind). Die Urlaube treten wir mit dem besagten Caddy an, haben also relativ hohe CO2-Emissionen im Vergleich zum Zug. Dafür übernachten wir dann auf dem Campingplatz, was wiederum nachhaltiger ist als Hotelurlaube. Aber dazu gleich mehr.

 

Auch die Unterkunft zählt

So, nach einer kürzeren oder längeren Anreise kommst du an dein Ziel. Eine riesige Aircon-Suite mitten in der Wüste ist auch mit nachhaltiger Anreise nicht sehr umweltfreundlich. Selbst wenn ich mir das leisten könnte, würd ich lieber im Schlafsack unter dem Sternenhimmel liegen (so wie ich das in Australien erleben durfte).

Falls es dich interessiert: Am besten schneidest du eigentlich immer ab, wenn du mit ÖV auf einem Campingplatz übernachtest. Meist gefolgt von Auto auf Campingplatz. Denn in Hotels hast du viel mehr Emissionen und dazu wird Land verbaut. Genaueres kannst du in der Studie hier lesen.

Die gute Nachricht: Egal ob du jetzt Typ Fahrrad und Zelt oder schönes All-Inclusive-Hotel bist – der Nachhaltigkeitstrend hat auch die Unterkünfte erreicht.  Unterdessen gibt es einige nachhaltige Hotels, Campings und Ferienwohnungsanbieter. Falls du deine Sommerferien noch nicht geplant hast, hab ich dir hier ein paar gute Adressen herausgepickt:

 

Webseiten für nachhaltige Campingplätze

 

Webseiten für ökologische Hotels & Ferienwohnungen

Um sozial nachhaltiger unterwegs zu sein, ist es auf jeden Fall schläuer, eine kleine Familiengeführte Unterkunft einer Hotelkette vorzuziehen.

 

Ferienwohnungen über Airbnb

Vielleicht hast du es auch schon gehört, ich wollte einfach kurz drauf aufmerksam machen: Gewisse Regionen leiden sehr unter Airbnb, weil die Hausbesitzer lieber an gutzahlende Touristen vermieten, was die allgemeinen Mietpreise in die Höhe jagt und somit zu Wohnungsnot führt, weil die Locals sich die Preise gar nicht leisten können. Bevor du also darüber buchst, empfehle ich, vorher kurz nachzuschauen, ob die gewünschte Region auch zu einer solchen Problemzone gehört.

Auch wenn grosse Bookingunternehmen super praktisch sind, kassieren sie ganz schön ab. Wann immer möglich also direkt buchen, so kannst du die lokale Bevölkerung am besten unterstützen.

 

Was konsumierst du unterwegs?

Nachhaltig WandernJa, auch da braucht es etwas Geduld, ein Lächeln und Kompromisse: Im Urlaub nachhaltig konsumieren. Denn, was wenn die Unterkunft ein All-You-Can-Eat-Buffet hat und jegliche Getränke in Plastikflaschen angeboten werden.

Ich versuche auch da, möglichst biologisch produzierte, regionale Produkte und Bauern zu unterstützen. Ohne Kompromisse ist das allerdings echt schwer. Wenn man die Sprache kann und nett fragt, ist man klar im Vorteil.

Wenn du im Biohotel schläfst, ist das wahrscheinlich weniger problematisch, aber auf dem Campingplatz, wo du kochen willst, lohnt es sich auch nach regionalen Märkten zu fragen.

Im Prinzip gitl im Urlaub dasselbe wie zuhause: Je regionaler, fairer, biologisch-angebaut, unverpackter, sozialer, etc ein Produkt ist, desto nachhaltiger. Und am allernachhaltigsten: Gar nicht so viele Souvenire und Co zu kaufen ;)

 

Zero Waste und nachhaltig unterwegs

  • Lass die Tücher nicht jeden Tag wechseln und dein Zimmer nicht jeden Tag putzen (Hotel)
  • Nutze so wenig wie nötig die Aircon (oder schalte sie ganz aus)
  • Bring einen Trinkwasserfilter wie „Lifestraw“ mit und fülle deine eigene Trinkwasserflasche wann immer es geht
  • Bringe deine eigenen Kosmetikprodukte mit, anstatt die Mini-Versionen zu nutzen
  • Esse lokal und regional
  • Bringe für Take-Away-Essen deine eigenen Behälter mit
  • weitere Tipps hab ich dir in diesem Artikel zusammengestellt.

 

In 8 Schritten zu einem Zero Waste Haushalt

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Los geht’s!

 

Was unternimmst du unterwegs?

Auch bei der Erkundung am Zielort gibt es mehr und minder nachhaltige Optionen. Falls du noch Ideen brauchst, was du im Urlaub alles tun kannst, here we go:

  • Strandclean-Up
  • Baden mit meer-verträglicher Sonnencreme
  • Ein Padelboot oder Kanu mieten
  • Fahrradtour machen
  • Wanderung von der Unterkunft weg
  • Nachhaltige Spiele spielen (bspw. von Gaiagames)
  • Bücher lesen
  • Neue Bekanntschaften schliessen
  • Durch den Wochenmarkt bummeln
  • Die Sprache lernen
  • Faulenzen

Phuu, ich hoff ich hab dich nicht mit einer Infoflut erschlagen. Alles was ich aufzeigen wollte, ist, dass nachhaltig Reisen gar keine so grosse Hexerei ist (ich war auch nicht auf Hogwarts und hab’s schon hinbekommen). Wie immer gilt: Auch wenn du jetzt nicht nur noch Fahrradtouren mit Zelt unternimmst, jeder kleine Schritt zählt.

 

Hab einen ganz schönen Urlaub :)