Letztens habe ich mich gefragt, warum es mir denn so wichtig ist nachhaltig zu leben und andere zu inspirieren es gleich zu tun. Natürlich wäre es bequemer, einfach irgendwo einen Job zu angeln und nach dem Feierabend vor den (bei uns zwar nicht vorhandenen) Fernseher zu sitzen. Das kann ich aber nicht. Weil ich mich einmal mit dem Thema befasst habe, es wissen wollte und nun den Salat habe:

Ich kann mich nicht mehr von der Verantwortung drücken, weil ich das Wissen habe. Ich kann mich nicht aus der Verantwortung stehlen, weil es nicht mit meinen inneren Werten vereinbaren kann.

Warum Ökos nerven

Und das, meine Lieben, ist der Grund, warum die Ökos den andern ganz schon auf den Sack gehen. Denn viele ahnen schon, dass am ganzen System vielleicht das eine oder andere nicht ganz so rund läuft, wie man so annehmen könnte.

Und wenn dann die Veganerin, der Zero Wasteler, die Ökotante, der Biofreak oder die Hippies kommen, wird’s ungemütlich. Denn diese Leute (und ich nehm mich hier nicht aus) plappern gerne über Facts und Lösungen und die Rettung unseres atemberaubenden Planeten.

Wer jetzt aber keine Lust hat, sein Leben umzukrempeln wird meist in drei verschiedenen Arten reagieren:

  1. Gegenangriff: Sobald man erwähnt, dass man vegan ist oder eben etwas für die Nachhaltigkeit tut, kommt ein Gegenangriff. Irgendetwas, was der Öko eben nicht tut, wird gesucht und daran wird man festgemacht. Der Angreifer hat so Schutz und kann sagen, tja, wenn sogar der Öko dies und jenes noch tut, dann brauch ich ja gar nicht anzufangen.
  2. Themawechsel. Um gar nicht erst das Wissen zu erlangen, wechselt man einfach schnell das Thema. So muss man auch kein schlechtes Gewissen haben, weiter all die Produkte zu konsumieren.
  3. Verantwortung abgeben: Ebenfalls ein Schutz, nichts unternehmen zu müssen, besteht darin, die Verantwortung an die grossen abzuschieben: Politiker, Unternehmer, Forscher sollen das erledigen.

Diese Ausreden sind menschlich und verständlich. Vor 10 Jahren hätt ich auch gesagt, dass vegan zu leben völlig übertrieben und extrem ist. Tja, damals hab ich aber auch kaum etwas über die Tierhaltung, das Klima und die Auswirkungen auf die eigene Gesundheit gewusst. Und auch nicht, wie einfach es ist, vegan zu leben.

Punkt ist, wir sind ständig in Veränderung und auch wenn wir vielleicht zum einen Zeitpunkt nicht offen für eine gewisse Veränderung sind, kann sich dies zu jedem anderen Zeitpunkt ändern.

 

Die innere Arbeit

Diese Offenheit zuzulassen, Veränderung zuzulassen ist nicht immer so einfach.

Eine gute Freundin hat mit einem alten Milchkuhbauern diskutiert und der Schlusssatz den er ihr sagte, war folgender:

„Wenn alles stimmt, was du sagst, hätte ich mein ganzes Leben lang falsch gehandelt. Und das kann ich einfach nicht akzeptieren“.

Je nach dem, wo wir aufwachsen und welche Menschen wir um uns herum haben, bekommen wir ein Weltbild zu Gesicht, was total konträr zu einem anderen Weltbild sein kann. Beide haben ihre Berechtigung und ein Stück Wahrheit steckt wahrscheinlich überall drinn.

Wenn jetzt die andere Person mit der konträren Weltansicht in unser Leben tritt, sind wir mit unserem „Schwarz-Weiss-Denken“ gefordert: Entweder seine oder meine Weltansicht ist falsch.

Selbst wenn man auch noch ein paar Grautöne zulässt, ist für viele die Erkenntnis „ich-habe-mein-halbes-Leben-etwas-falsch-gemacht“ unerträglich, warum sie die Wahrheit verleugnen, verdrängen oder nicht wissen wollen.

Und mit „falsch gemacht“ will ich jetzt nicht sagen, dass alle Milchkuhbauern, Militärchefs oder Firmenbosse böse sind. Überhaupt nicht. Ich glaube nämlich sehr fest an das Gute im Menschen. Die allerallermeisten Menschen möchten mit ihren Handlungen nicht jemandem Schaden. Sie wollen leben und tun dies, in dem sie ihr bestes tun.

Herauszufinden, dass dies aber aus einer anderen Perspektive nicht das „Beste“ war, tut weh. Ich kenne keinen einzigen Menschen, der sagt: Juhuiii, ich will den ganzen Planeten und all die wunderbaren Dinge zerstören.

Wenn man dann herausfindet, zur Zerstörung beizutragen, kommt man schnell in eine Selbstzerstörungsfalle. Gerade in unserer Kultur, wo alles bewertet und verglichen wird.

Und ich glaube auch, dass es je älter wir werden, es schwieriger wird, sein Denken komplett zu ändern. Nicht weil unser Hirn alt wird. Sondern weil man dann sein „altes“ Leben überdenkt und vielleicht realisiert, dass nicht mehr so viel Zeit bleibt, Gutes zu tun.

 

Das ist hart.

 

Das kann weh tun.

 

Und selbst als 27-jährige (und ich würd mich jetzt eher als jung anstatt alt kategorisieren) kenne ich diesen Schmerz. Ich war nicht schon immer so, wie ich jetzt bin. Ich hab Dinge getan, für die ich mich schäme und auf die ich nicht stolz bin.

Aber ich habe diesen Schmerz nicht als Ausrede genutzt, mich nicht verändern zu müssen.

Ich habe ihn gespürt und spüre ihn immer wieder. Ich mache ständig Spagat zwischen Nachhaltigkeit und meinen Bedürfnissen. Und versuche gleichzeitig das Leben lebendig zu gestalten und es zu leben.

In Zeiten von Corona ist das gar nicht so einfach. Denn jetzt prallen viele Ängste aufeinander: Die einen fürchten sich davor, krank zu werden und zu sterben. Die anderen fürchten sich vor dem Zusammenfall unserer Demokratie. Wieder andere haben Angst, dass ihre Existenz bedroht wird und sie ihren Job verlieren.

Ich kenne diese Ängste auch. Ich bin zwar gesund, leide aber auch an den Isolierung, daran, dass ich keine Workshops durchführen kann, ich habe Angst, dass ein Krieg kommt, dass Menschen sich wegen eines Viruses so streiten, dass Freundschaften, Liebe und Verbundenheit kaputt gehen.

Trotzdem stehe ich jeden Tag auf und tue mein bestes, meinen Weg zu gehen. Meinen Werten treu zu bleiben.

Das ist die beste, schönste, erfüllenste aber auch härteste und schwierigste Sache in meinem Leben. Ich kann mit gutem Gewissen ins Bett gehen, wissen, dass ich vielleicht den einen oder die andere mit meine Blogbeiträgen, Büchern, Workshops motiviert habe.

Ich habe aber auch extrem hohe Ansprüche an fast alles. Ich hatte eine ernsthafte Krise, meine Selbständigkeit hinzuwerfen und einfach „irgendeinen“ Job anzunehmen. Tja, das Problem dabei war, dass ich gar keinen Job gefunden habe, der all meine Kriterien erfüllt hätte. Irgendwo hätt ich immer einen Konflikt bekommen mit mir selbst.

Und nein, ich will jetzt nicht sagen, dass sich alle selbstständig machen müssen. Aber das sie ihren Werten treu bleiben können. Das wiederum ist nicht immer so einfach. Es ist manchmal lebensgefährlich, anstrengend oder schwierig.

 

Ein lebendiges Leben

Aber ich möchte nicht auf meinem Totenbett liegen und merken, dass ich keinen Mut hatte, mein Leben zu leben. Ich möchte nicht voller Reue sein. Ich möchte voller schöner Erinnerungen und ein paar Prisen Stolz sein. Ich möchte zu-frieden sein.

Das widerspricht öfters mal meinem Drang nach Sicherheit, respektive der Angst, dass die Sicherheit verschwinden könnte. Aber ich habe gelernt, dass Glück und Sicherheit nicht unbedingt Hand in Hand gehen. Denn dann, wenn ich am meisten Mut gebraucht habe in meinem Leben, war ich am lebendigsten, am glücklichsten und meinen eigenen Weg gegangen.

Ich bin mit 22 ganz alleine losgezogen, mit einem Ticket nach Bangkok und einem einem Rucksack. Der einzige Plan: Ich folge meinem Herzen.

Mit 24 bin ich ins Ausland gezogen, wo ich nur einen einzigen Menschen gekannt hatte: Felix.

Mit 24 habe ich beschlossen, meinem Herzen auch beruflich zu folgen und habe mich selbstständig gemacht.

Mit 27 zog ich mit Felix wieder in die Schweiz und habe beschlossen, mich nochmals selbständig zu machen und von vorne anzufangen.

Mit 27 schreibe ich diesen Text und zeige gerade sehr viel von meinem Inneren. Und ja, es wäre sicherer, diese Zeilen nicht zu schreiben. Weil mich dann niemand verletzen könnte. Aber ich kann nicht anders, denn ich möchte dann, wenn ich diesen Körper verlasse, sagen können: Ich habe gelebt. Ich habe geliebt. Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und ich bin meinen Werten treu geblieben.

 

Warum lebe ich denn nun nachhaltig?

So, kommen wir auf den Anfangssatz zurück: Warum tue ich, was ich tue? Ich lebe nachhaltig, weil meine Werte mir zeigen, dass es die einzige Möglichkeit ist, dem Frieden, der Freude, dem Mut und der allumfassenden Liebe gerecht zu werden.

 

Ich lebe nachhaltig, weil das für mich eine Art Liebeserklärung an die Welt ist.

 

Ich esse keine Tiere, weil ich sie lieber beobachte, mich an ihrer Lebendigkeit erfreue und es nicht übers Herz bringe, sie zu töten.

Ich kaufe Second Hand oder fair, weil ich die Menschen respektiere, die meine Kleidung herstellen und ich niemandem Leid zufügen möchte. Denn ich liebe so viele Menschen und immer wieder begegne ich Menschen, die mich tief berühren. Wer sagt, dass die Näherin in Bangladesh nicht eine meiner besten Freundinnen werden könnte?

Ich kaufe saisonal, regional und bio, weil ich nicht möchte, dass für mein Essen Böden vergiftet werden und auch ich gesund bleiben will.

Ich liebe die Ozeane, Wälder, Felder, Bäche, den blauen Himmel, die grauen Wolken. Und weil ich sie liebe, tut es auch mir weh, wenn sie leiden.

Und das wiederum ist vielleicht der egoistischste Grund: Weil ich nicht leiden möchte, möchte ich auch nicht, dass jemand anderes leidet.